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Converse „Chucks“: Zwischen Subkultur und Mainstream
Normalerweise werden bestimmte Produkte aus einer Subkultur heraus geboren, erleben ihren Aufschwung mit ihr und sterben ebenfalls gleichzeitig – oder sie gehen in den Allgemeingebrauch über und verlieren ihre spezielle subkulturelle Bedeutung (Hebdige, 1999). Dass eine Subkultur nach der anderen ein und dasselbe Produkt auf ihre Weise adaptiert und es so über Jahrzehnte hinweg aktuell und avantgardistisch bleibt, ist eher ungewöhnlich. Im Fall der Chucks vor allem, weil man nicht sagen kann, dass Converse „Chucks“ sich viel verändert hätten, seit sie 1917 auf den Markt gebracht wurden. Obwohl sich die Produktpalette von Gummistiefeln aus durchaus weiterentwickelt hat. „Das Besondere an diesem Schuh ist nun, dass sich an ihm das Wechselspiel von Mehrheitskultur und Gegenkultur im Kapitalismus gut beschreiben lässt.“ (Diez, 2008)
Vollständiger Artikel: Gerhard_2010_Converse (PDF)
August 4, 2010 at 11:04 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Bourdieu, Luhmann & Cultural Studies
Bourdieu (Die feinen Unterschiede, 1987, S. 86): „Alles spricht in der Tat dafür, daß der Primat der Form einzig um den Preis einer Neutralisierung jedweden affektiven oder ethischen Interesses für das Objekt der Darstellung zu erreichen ist.“
Die Systemtheorie versucht dieses Primat der Form zu erreichen und opfert dafür die eigene politische Position. Die eine Semantik verdrängt die andere. Bereits diese Präferenz macht sie zu einer konservativen, herrschaftstabilisierenden Theorie. Ganz anders verfahren die Cultural Studies, die als Materialanalysen immer eng am Inhalt bleiben und Universalisierungen skeptisch gegenüber stehen. Dafür erhalten sich die Cultural Studies die Möglichkeit der politischen Position. Cultural Studies Theorie ist nur dreckig, wenn sie gut gemacht ist.
Strategie und Taktik
Anmerkungen zu den Begriffen der Strategie (Ort) und Taktik (Zeit) bei de Certeau (Die Kunst des Handelns, 1988):
Strategie geht vom Machtapparat (Gramsci, Marx) aus, die Boden (Ort) als Kapital besitzen und darauf angegriffen werden müssen, wie diese auch den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen (Lefebvres Unterteilungen). Strategien nutzen akkumuliertes Kapital um Zweck-Mittel-Beziehungen zu realisieren, Taktiken gehen von der ‘unterdrückten Klasse’ aus, die nicht über entsprechendes Kapital verfügt. Für ihre Zweck-Mittel-Realisierungen benötigen sie deshalb andere Medien als die Kapitalarten der hegemoniellen Klasse (ökonomisches, kulturelles, soziales Kapital, (Bourdieu, 1983)). De Certeau radikalisiert dies hin zu ihrer Abhängigkeit von der Zeit als Moment. Die metis gewinnt bei de Certeau dann revolutionären Charakter. Das subversive Potential gegen die (Herrschafts-)Strukturen kommt aus der Zeit.
August 4, 2010 at 10:25 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Notizen zum Vortrag von R. Kollmorgen, Perspektivwechsel: Zur metatheoretischen Grundlegung einer Theorie sozialen Wandels
Angeregt von einer angemessenen Theorie postsozialistischen Wandels und der menschlichen Erfahrung, d.h. Kollmorgen folgt einer subjektiven Ontologie (Wie erfahren wir sozialen Wandel?)
Unterscheidung von drei Paradigmen:
a) Das interpretativ-interaktionistische Paradigma als (wechselnde) Teilnehmerperspektive auf sinnhaft agierende Individuen und deren intersubjektive Handlungskoordination
b) Das individualistisch-erklärende Paradigma als Beobachtungsperspektive auf die ristringierten Entscheidungssituationen bzw. Verhaltenssequenzen selbstgesteuerter einsamer Aktoren (bzw. deren gegenseitige Koordination)
c) Das systemtheoretische Paradigma als Beobachtungsperspektive auf konditionierte systemische Koordination (Kommunikation) von sozialer Re- und Neuproduktion.
Was ist jeweils der theoretische Gehalt in normalen Situationen, am Bsp. des Marktes
b) Homo oeconomicus, zweckrational und c) Systemrationalität, dort Verselbstständigung der Strukturen; logischer Bruch wischen einzelnem Handeln und zum kollektiven Handeln bzw. dessen Folgen
a) Auch durch Sinn gesteuerte Handlungen, nicht nur System, sondern auch Lebenswelt
Wie wird jeweils Wandel konzipiert?
c) jedes Element ist im System gefangen, auch bei Wandel; Wandel als Evolution (Variation, Selektion, Stabilisierung) -> keine Kreation; Wandel als Ausdifferenzierung; These: können Lernen nicht erklären
a) sinnhafte Handlungen; körperlich zeitliche bewusste Subjekte, Aneignung von Regelkosmos, bedingt durch Lebenswelt, hier bleibt eine Kontinuität der Subjekte durch den Wandel hindurch; gebrochene, kreative Aneignung, Erfindung, Lernen; keine Ableitung der Handlungen aus Systemen; blinder Fleck sind geringe Auswirkungen der veränderten Erfahrungswelten der Subjekte auf Systemwirklichkeiten; Speicherfunktion von Subkulturen die Innovation in Gesellschaft tragen können, thematisiert taktisch-strategischer Handlungsorientierungen nur schlecht, das eher in b)
b) Rational choice; blinder Fleck sind kulturelle Einflüsse; klassischer Machbarkeitswahn
Schlüsse Paradigma erklären nur eine Seite sozialer Realität
Sie lassen sich nicht ineinander verschmelzen, man bewegt sich dann nicht mehr in gleichen Paradigma, man muss dafür in ein anderes Paradigma, andere Perspektive springen. Folge: Keine Supertheorie möglich, stattdessen Perspektivwechsel möglich, keine Konvergenz der Paradigma mit Ebenen (Mikro, Meso, Makro)
Gleichberechtigung und gleich wahr aller Paradigmen, sie lassen sich nicht gegenseitig ausschließen
Theorien für spezifische Vorhaben geeignet:
a) interp.-interakt.: Akkumulation von Innovationspotenzial, nur ex post
b) individ.-erklärend: in hochgradig turbolenten Zeiten, ‘feeling of the free hand’
c) Systemtheorie: bei Stagnation, Stabilität
Keine Konvergenz von Theorie und Realität, nur Vorteile in der Theoretisierung, eher Anwendungsempfehlung
Theorien sozialen Wandels: ein Ordnungsvorschlag
| Beobachten (Erklären bzw. Objektivismus | Teilnehmen (Verstehen bzw. Subjektivismus | |
| systemische Konditionierung (Holismus bzw. Kollektivismus) | Systeme (systemtheoretisches Paradigma | [könnte sein: kulturalistische Systemtheorie, Parsons, Durkheim] |
| Handeln/Handlungssequenzen (Individualismus) | Akteure, individueller und kollektiver Art (individ.-erkl. Paradigma) | Subjekte, Intersubjektivität (interpr.-interakt. Paradigma) |
Erläuterung zur Tab.: Die gewöhnlichen, Kollmorgens Paradigmenfassung nur zum Teil treffenden Rubriken wurden in Klammern gesetzt.
Vortrag zur Verleihung der Priv-Doz. am 23. Juni 2010, Uni Magdeburg.
August 4, 2010 at 10:09 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Einkaufen oder Shoppen?
Einkaufen und Shoppen unterscheiden sich in ihrer Erlebnisrationalität. Während Einkaufen auf das Ergebnis, die Einkäufe, ausgerichtet ist und damit außenorientiert, ist Shoppen innenorientiert, auf den Vorgang und Prozess der Besorgung und die dabei gemachten Erfahrungen gerichtet (vgl. Schulze, Die Erlebnisgesellschaft (2. Ausg.), 2005, S. 40).
Oder, etwas früher, vgl. J.-J. Rousseau (Rousseau, 1755, S. 43):
“Dies nämlich ist die wirkliche Ursache all dieser Unterschiede: Der Wilde lebt in sich selbst; der gesellschaftliche Mensch ist immer außerhalb seiner selbst und weiß nur in der Meinung der anderen zu leben; und er bezieht sozusagen alleine aus ihrem Urteil das Gefühl seiner eigenen Existenz.”
Rousseau, J. (2010). Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (Orig. 1755). In R. Borgards (Hrsg.), Texte zur Kulturtheorie und Kulturwissenschaft (S. 33-43). Stuttgart: Reclam.
August 4, 2010 at 10:06 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Ein Kommentar zur „Tragedy of the Commons“
Das Problem der Tragödie der gemeinsam genutzten Dorfplätze (Commons; Hardin, 1968) setzt voraus, was es erklären möchte. Es geht von Gewinnmaximierung als anthropologische Konstante aus (truck, trade and barger, Adam Smith), obwohl mit der Commodification von Land in umzäunte Privatgüter erst das Problem der Ausbeutbarkeit geschaffen wird und vorher andere Regelungen (eben keine wirtschaftlichen) bestanden haben dürften, die eine Ausbeutung durch Einzelne wirksam einschränkten, z.B. Status. Ich unterstelle hier also die Gültigkeit Karl Polanyis These der sozialen Konstruktion von Produktionsfaktoren und gehe erst zeitlich darauf folgend davon aus, dass sich entsprechende soziale Praktiken und Normen herausgebildet haben – man denke hier nur an Max Webers Studie zur protestantischen Ethik des Kapitalismus. Erst mit diesem Wandel wird die Nutzung der Commons umgestellt von Selbstversorgung (Bauern) und Auftragsarbeit (Zünfte) auf Gewinnmaximierung. Tragisch wird die Nutzung erst nach der Erfindung und Popularisierung des Utilitarismus. Erst jetzt, also erst nach den von Max Weber beschriebenen Entwicklungen, konkurrieren die Nutzungen als Einzelinteressen miteinander.
In der Folge entspinnt sich ein Kampf um die Ressourcen, deren Nutzung der Ausschließlichkeit unterliegt. Die wirtschaftlichen Zugriffsmöglichkeiten werden damit auch zu einer politischen Machtfrage. Erst sehr viel später, mit der Diskussion der Wissensgesellschaft, werden auch Ressourcen aufgedeckt, deren Nutzung keiner Ausschließlichkeit unterliegen oder deren Nutzung durch mehr Teilnehmer sogar wirtschaftliche Vorteile erbringen (etwa das Telefon). Wissen unterliegt zwar keiner Ausschließlichkeit, es ist aber im Einzelfall offen, ob weitere Nutzungen förderlich oder wertmindernd sind, z.B. wenn der Exklusivitätsvorteil dadurch verloren geht.
Erst nachdem die Tragödie der Commons hier erneut eingeschränkt wurde, kommt das Internet als Medium auf und mit ihm die empirische Relevanz massenhafter kultureller Praktiken, welche sich um virtuelle Wissens-Commons bilden. Hier stellt sich die Frage der Tragödie erneut, aber vor dem Hintergrund der „Hacker Ethic“ und der Wissensökonomie, die auf massenhafte technische Speicher und Verbreitungswege für Daten und Informationen zurückgreifen kann. Die Hacker Ethic stellt die Norm der Teilung von Code auf und es kommt in der Folge zu Praktiken der nichtkommerziellen Produktion von Softwarecodes in auf höchstspezialisierter Arbeitsteilung beruhenden Gemeinschaften. Vielfach wurde gezeigt, dass wir es an dieser Stelle nichtsdestotrotz nicht mit Altruismus, sonder mit unterschiedlichen sozialen Motiven zu tun haben. Es ist eine skurrile Fußnote der Geschichte, dass wir diese Form der Kooperation einer Gruppe von nerd-Studierenden am MIT verdanken, welche Großrechnerzeiten für die Kalkulation von Weichenschaltungen ihrer Modelleisenbahnen verwandten. Weil sich daraus auch der gesamte Komplex des Pizza-Kellerkindes knüpft kommt es zur Herausbildung des Subkulturstils der Informatiker bzw. des entsprechenden Klischees.
Die Hacker Ethik impliziert also, dass Information frei sein will und bildet entsprechende kollektive Praktiken der Teilung von Information heraus. Die ökonomischen Folgen sind disruptiv für so manche Industrie: Freie Betriebssysteme für Computer und Datei-Tauschbörsen kommen auf. Die nationalen Rechtssysteme tun sich vielleicht noch schwerer mit den Folgen dieser Irritation umzugehen. Copyleft ist ein internationales Phänomen. Jedenfalls impliziert dieser Umgang mit Softwarecodes als Wissensobjekte, dass Wissen (dieser Art, potentiell aber generalisiert) grundsätzlich Wert schaffend eingesetzt wird, wenn man es teilt. Dies zwar nicht kurzfristig und individuell, aber zumindest kollektiv.
August 4, 2010 at 9:52 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Einer der schlimmsten Begriffe: Subjektive und objektive Kultur
These: Latour versucht über die ANT das bei Simmel auftauchende Problem der Bewältigung objektivierter Kultur in eine subjektive Aneignung (diese Trennung geht auf Kant zurück) anders als in einer „Tragödie“ aufzulösen, die in der Überforderung des Einzelnen angesichts einer sich selbstständig gemachten materiellen Sphäre besteht (Freud). Das Geist/Materie Schisma wird über eine praxeologsche Übersetzung in kombinierten Netzen aufgelöst, in denen beiden Seiten gleichberechtigte (nicht gleiche) Plätze zugewiesen werden. Grundsätzlich bestehen die beiden Sphären aber auch bei Latour weiter, er schlägt nur neue Verbindungen und Repräsentationen vor. Er stellt (im Anschluss an die Writung Culture Debatte) die Frage nach der Repräsentation der Dinge.
Es ist also fraglich, ob es Latour gelingt, Kultur von seinem Grundproblem als einem der schlimmsten Begriffe, die jemals gebildet wurden (Luhmann, 1997, S. 398) weg, zu einem nützlichen Analysewerkzeug hin zu bewegen. Luhmann führt diese Abwertung des Begriffs ein, weil eben die subj./obj. Kultur als Unterscheidung verdeckt, nach welchem Modus die Selbstbeobachtung der Kunst operiert und so Kunst und Kultur nicht getrennt werden können. Eine Verbesserung dieser Lage tritt im Grunde genommen erst bei den Cultural Studies auf (allerdings mitnichten beim indifferenten ‘whole way of life’ von Tylor, der gar keine Unterscheidung mehr erlaubt).
Clifford, J. (2010). Halbe Wahrheiten (Orig. 1986). In R. Borgards (Hrsg.), Texte zur Kulturtheorie und Kulturwissenschaft (S. 221-232). Stuttgart: Reclam.
Freud, S. (2000). Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg.
Latour, B. (2002). Die Hoffnung der Pandora: Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Latour, B. (2005). Von der Realpolitik zur Dingpolitik: Oder wie man Dinge öffentlich macht. Berlin: Merve Verlag.
Latour, B. (2008). Wir sind nie modern gewesen: Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Luhmann, N. (1997). Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Simmel, G. (2000). Der Begriff und die Tragödie der Kultur. In G. Simmer (Hrsg.), Aufsätze und Abhandlungen 1909-1918, Gesamtausgabe (Bd. 1). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
August 4, 2010 at 8:52 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Versuch einer Kampfschrift gegen die Modernen
Ein Unbehagen breitet sich aus in der Moderne. Und das nicht erst seit gestern. Die Postmodernen und die Antimodernen, wie Latour (2008) sie nennt, spüren es schon länger. Nur hat Latour auch recht darin, dass sie das Terrain ihrer Gegner akzeptieren? Beide sind in irgendeiner Form eben noch modern. Die einen, weil sie gegen die Moderne kämpfen, aber ein anderes Programm wollen und ein eigenen vermissen lassen, also lediglich anti und nicht pro sind. Sie haben keine Alternative und müssend deshalb auf feindlichem Gebiet kämpfen. Ihnen bleiben nur die kritische Demontage und semiotische Guerillaaktionen. Auf dem Gebiet de Gegners und ohne eigenes Programm bleiben sie notwendig taktisch in ihren Operationen.
Ähnliches gilt für die Postmodernen, die zwar schon in der grundsätzlichen Annahme leben, die Moderne hinter sich gelassen zu haben, sie aber trotz ihres Post-Status als Verweis immer noch mitschleppen. Das Post- bezieht sich nur auf das, was vorher war, ist noch unbestimmt und inhaltsleer. Auch hier fehlt das eigene Programm. Ihnen ist lediglich die Skepsis am einheitlichen Steigerungsgedanken der Moderne gemeinsam (vgl. Schulze, 2004). Darüber hinaus zerfallen sie in kleine Identitätsgrüppchen. Ihr „alles ist möglich“ verhindert das Zustandekommen eines eigenen, starken Programms. So gilt deshalb hier genauso wie bei den Antimodernen, dass sie auf Taktik und damit auf Reaktion beschränkt bleiben.
In dieser Lage nun kommt Latour und führt die Nichtmodernen ein. Nichtmodern deshalb, weil sie wie die Prämodernen Natur und Kultur zusammen denken und Hybride thematisieren. Für Latour liegen die Hybride im blinden Fleck der Selbstbeschreibung der Modernen (und nur als Nichtmoderner kann er eine Beobachtung und Selbstbeschreibung anfertigen, die das dann kritisiert).
Die Namensgebung ist zunächst einmal ähnlich unglücklich wie Antimodern oder Postmodern, weil sie sich lediglich über ein Nicht-so-sein definiert. Was aber den Nichtmodernen eine Möglichkeit zur Vergemeinschaftung und Integration und damit auch innerer Kohärenz gibt, ist die Auseinandersetzung mit der Form der Hybride.
Das Finden eines Namens, der dies auch anschickt ist deshalb beizeiten angebracht. Zumindest, wenn Nichtmodern nicht nur ein Kampfbegriff gegen die Modernen sein soll, sondern einen eigenen Gegenstand und ein eigenes Programm erhalten. Das Terrain, auf dem die Nichtmodernen kämpfen sind die Netze, die Kollektive. Damit ist ihnen die Möglichkeit der Strategie gegeben. Sie operieren von einem Standpunkt aus, der im blinden Fleck der Modernen liegt. Ansetzend an den rhizomatischen (Deleuze & Guattari, 2002) Netzen untergraben sie die Moderne, welche die von ihr geschaffene Trennung von Vermittlung/Reinigung nur auf eben den zugrunde liegenden Kollektiven unter deren gleichzeitiger Nichtbeachtung durchführen kann.
Sobald die Auseinandersetzung am Kollektivgeflecht, dem Fundament der Moderne, durch die Nichtmodernen Früchte trägt, wird sie an die Oberfläche schießen und wie giftige Pilze Signale für die Moderne liefern, dass die Hybride immer schon waren, wo die Moderne sie ignoriert hat. Solange aber das Werk der Nichtmodernen nicht zur Reife gelangt ist, bleibt ihr das Problem der Kohäsion mit den Antimodernen und den Postmodernen gemeinsam: Ihre Daseinsberechtigung speist sich ausschließlich über die Existenz der Moderne, keine dieser Richtungen kann ein überzeugendes Konzept für einen Zustand nach der Moderne anbieten. Ironischerweise ein zutiefst postmodernes Problem, wenn die große Erzählung, der ideologische Entwurf für ein Danach nicht mehr glaubwürdig vermittelt werden kann (Lyotard, 1999), weil die Evidenz selbst inevident geworden ist (Kamecke, 2009).
Kamecke, G. (2009). Spiele mit den Worten, aber wisse, was richtig ist!: Zum Problem der Evidenz in der Sprachphilosophie. Zeitschrift für Kulturwissenschaft, 3(1), 11-25.
Deleuze, G., & Guattari, F. (2002). Einleitung: Rhizom. In Tausend Plateus: Kapitalismus und Schizophrenie (5. Aufl., S. 11-42). Berlin: Merve Verlag.
Latour, B. (2008). Wir sind nie modern gewesen: Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Lyotard, J. F. (1999). Das postmoderne Wissen: Ein Bericht (4. Aufl.). Wien: Passagen Verlag.
Schulze, G. (2004). Die beste aller Welten: Wohin bewegt ich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
Rolle der Kulturwissenschaft
Latour konstatiert in seinem Essay Wir sind nie modern gewesen (2008), dass die Anthropologie für vormoderne Gesellschaften in der Lage gewesen sei, Natur/Kultur zusammen zu denken und nicht nach Fakten, Macht und Diskurs in ihrer Kritik zu teilen. Angesichts unseres modernen Selbstverständnisses schaffen sie das allerdings nicht für die moderne Zivilisation. Sowohl die Natur/Kultur Dichotomie als auch die zwischen Hybridisierung/Reinigung andererseits und Vermittlung in hybriden Netzwerken andererseits wird nicht aufgedeckt. Um dieses Problem zu überwinden nimmt sich Latour die Konstruktion einer „symmetrischen Anthropologie“ vor, die Dinge und Soziales repräsentieren soll. Nun stellt sich aber die Frage, ob Anthropologie die geeignete Form (oder noch schlimmer: Disziplin) ist, das Problem zu beheben. Schließlich ist sie die Wissenschaft vom Menschen – nicht die Wissenschaft von den Dingen. Wäre nicht, so die Anschlussfrage, die Kulturwissenschaft (als Nicht-Disziplin) besser für die Bewältigung der Aufgabe geeignet? Als Wissenschaft sollte sie die Repräsentation der Dinge und Fakten anstreben, aber als Kulturwissenschaft eben auch die gesellschaftliche Konstruktion und die Frage der Repräsentanz der Menschen. Eben weil Kulturwissenschaft nicht disziplinär abzugrenzen ist und Anthropologie darin eine (bedeutende) Rolle spielt scheint sie geeignet zu sein sich dieser Schnittstellenaufgabe zu widmen. Damit wäre das Programm einer Kulturwissenschaft das Aufbrechen der verdeckten Trennung der Repräsentation von Menschen und Dingen. Eine direkte Konsequenz draus ist die Überführung der Gesellschaft in ihrem Selbstverständnis von einem modernen (das die Trennung nicht freilegt) zu einem Natur/Kultur-Kollektiv.
August 3, 2010 at 8:27 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar
Weitere Anmerkungen zu Militärwerbung
Auffällig, aber nicht überraschend, ist die Abwesenheit jeglicher Kämpfe in den Videos. Eine Ausnahme sehen wir bei der Nordic Battle Group (Video im alten Beitrag unter weiterlesen). Andererseits haben die Schweden dann aber auch das klinisch sauberste Video für ihr Heer, das nur Sonntagssoldaten zeigt. Die Schweden machen Friedenseinsätze und die Nordic Battle Group geht dahin, wo andere nicht einfach Silvester feiern dürfen und zeigt den Taliban, wie harmlos Feuerwerk ist, wenn man dabei nicht Freudenschüsse in die Luft abgibt und so die Hochzeitsfeier ruiniert oder wie man Aggressionen mit Nordic Walking sublimieren kann. Dann klappt es auch mit der Geschlechtergleichberechtigung.
Bei den Schweden sitzt die Frau ohnehin gleich im Panzer, das muss man im Video nicht selbst kommentieren, die Amerikaner (Marines) lassen eine Frau durch den Geländepark robben. Da machen sich Frauen genauso schmutzig, wie die Männer, bei der Bundeswehr kontrollieren sie gleich das Bomberpotential (das, weil wir konstitutionell nie Angriffskriege führen, dann doch nur durch die Amerikaner in eine Reduktion von Tanklastern überführt wird). Bei der US Army sind Frauen auffällig selten, weil eben noch Afroamerikaner als hochrangig porträtiert werden müssen (immerhin wird hier auf der Ebene der Propaganda vorgespiegelt die falsche Hautfarbe wäre kein Grund als Kanonenfutter eingesetzt zu werden). Trotzdem treten Frauen in Erscheinung, in unterschiedlichsten Rollen. Lassen wir die Amerikaner also mit ihren Kriegsvideos und den Geschlechterrollen in Frieden. Widmen wir uns lieber noch einmal konzentriert den Österreichern.
Es gibt da offenbar die offizielle, “feministische”, in den Feuilletons vertretene Meinung: Der Spot ist sexistisch. Und dann gibt es die leidige Webzwonullige Dialogfeedbackschleife, die da sagt: Nee, alles harmlos, alles nur Kampflesben, die da schreien und super gute und wirksame Werbung. Was für eine demokratische Meinungspluralität.
Da sind also auf der einen Seite, die meinen, dass das Video harmlos sein, weil die Frauen den Macho mit dem Sportflitzer abblitzen lassen und die Soldaten eben keine Machos seien. Gut, beide Argumente kann man soweit erstmal stehen lassen. Sicherlich wirken die Soldaten eher wie sprachunfähige Trottel denn wie Machos. Auch das Herumstreichen an Kanonenrohren sei hier vergeben, ebenso das angeberische Vorfahren mit dem Panzer als Konfrontation. Aber auch dann bleibt die Parallele der Ansprache: Wie wär’s mit einer Spritztour? Letztendlich wollen sie doch alle nur das Eine. Wenn ihr eine Spritztour machen wollt, dann kommt zum Bundesheer, da könnt ihr Panzer fahren. Was Freud zu dieser Art der Werbung für Haupt- und Staatsakte sagen würde muss wohl nicht ausgeführt werden. Hier steigt wohl Ödipus vom Panzer anstelle des Rosses.
Nun wird hier über Sexismus geredet und immer aus Männerperspektive 8ohnehin, die Artikel sind es ja auch). Was machen denn bitteschön die Frauen im Video? Sie schmiegen sich als Pin-up Girls an den Sportwagen, gehen mit Pferdestärken auf Tuchfühlung. Das gilt natürlich auch für das deutlich nahe Verhältnis zu unserem Türstehermacho in ihrer Mitte, an den sie sich heranschmiegen (und der breitbeinig sitzend die Arme um sie legen darf). In einem auffälligen Stilbruch behaupten sie dann unisono, dass eine Spritztour nicht in Frage käme. Immerhin, wer Sportwagen fährt ist neuerdings monogam. Nun sind sie aber nicht generell abgeneigt sich zu einer Spritztour beegen zu lassen, so denn der richtige kommt. Das ist bekannter Weise in diesem Fall der Panzer. Der hat nicht nur mehr Pferdestärken, sondern auch das größere Rohr. Ob sie dem Panzer oder den wenig überzeugend wirkenden Soldaten hinterher wackeln bleibt ungeklärt. Aber letztendlich ohnehin nur eine Frage, ob hier der sexuelle Wunsch auf eine Objektlibido übertragen wird. Es wirkt dann unwahrscheinlich, dass aus den Damen mit dem zweifelhaften Outfit plötzlich knallharte Mörder werden (seit Tucholsky wissen wir: Soldaten sind Mörder). Man wünscht ihnen vielleicht trotz allem, dass sie den Panzer nicht selbst fahren wollen und fragt sich, ob sie mit dem Macho nicht besser dran gewesen wären, als mit einer Verpflichtung zu Gasmaske und Scharfschützengewehr. Wenn sie also nicht in das Bundesheer eintreten wollen, also nicht vom Stöckelschuh als Objekt der Libido zum Panzer wechseln wollen, dann sind es möglicherweise doch die Jünglinge mit der unsicheren Sprache, die es ihnen angetan haben? Dabei haben die doch eine Einladung ausgesprochen und sind gleich wieder abgerauscht, ohne mit Kavaliermanier den Damen auf das Gefährt zu helfen. Spritztour mit Panzer bleibt eine Illusion.
August 3, 2010 at 8:04 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar