Der 18. Brumaire und Hartz IV
September 23, 2010 at 2:01 pm Hinterlasse einen Kommentar
Eine Überlegungen und ein Versuch der Übertragung von aktuell zur Kenntnis genommener Literatur, im Anschluss an den von Rainer Winter auf einer Tagung geäußerten Vorschlag, man solle für Cultural Studies doch Gramsci lesen. Hier also ausgehend von einem langen Zitat von Marx Überlegungen zum aktuellen Status der Arbeitslosenverwaltung in Deutschland. Demnach auch der Versuch, wie weit Marx trägt für eine Analyse (obwohl kulturtheoretisch betrachtet der Dualismus von Produktion und Überbau unterkomplex ist).
1852 veröffentlicht Marx über den Zustand der französischen Parzellenbauern folgenden Abschnitt in einem längeren Text über die Februarrevolution von 1848:
“Die Parzellenbauern bilden eine ungeheure Masse, deren Glieder in gleicher Situation leben, aber ohne in mannigfache Beziehung zueinander zu treten. Ihre Produktionsweise isoliert sie voneinander, statt sie in wechselseitigen Verkehr zu bringen. Die Isolierung wird gefördert durch die schlechten französischen Kommunikationsmittel und die Armut der Bauern. Ihr Produktionsfeld, die Parzelle, läßt in seiner Kultur keine Teilung der Arbeit zu, keine Anwendung der Wissenschaft, also keine Mannigfaltigkeit der Entwicklung, keine Verschiedenheit der Talente, keinen Reichtum der gesellschaftlichen Verhältnisse. Jede einzelne Bauernfamilie genügt beinah sich selbst, produziert unmittelbar selbst den größten Teil ihres Konsums und gewinnt so ihr Lebensmaterial mehr im Austausche mit der Natur als im Verkehr mit der Gesellschaft. Die Parzelle, der Bauer und die Familie; daneben eine andre Parzelle, ein andrer Bauer und eine andre Familie. Ein Schock davon macht ein Dorf, und ein Schock Dörfer macht ein Departement. So wird die große Masse der französischen Nation gebildet durch einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet. Insofern Millionen von Familien unter ökonomischen Existenzbedingungen leben, die ihre Lebensweise, ihre Interessen und ihre Bildung, von denen der andern Klassen trennen und ihnen feindlich gegenüberstellen, bilden sie eine Klasse. Insofern ein nur lokaler Zusammenhang unter den Parzellenbauern besteht, die Dieselbigkeit ihrer Interessen keine Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische Organisation unter ihnen erzeugt, bilden sie keine Klasse. Sie sind daher unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es durch ein Parlament, sei es durch einen Konvent geltend zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden.” (Marx 1983, S.407) (online unter http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_194.htm)
Analog zu Marx lässt sich eine Analyse der gegenwärtigen Bedingungen der Hart IV Empfänger ziehen. Nicht hinsichtlich der Lebensbedingungen oder des Verhältnisses zum Staat oder zu anderen Klassen und nicht hinsichtlich des eigenen Status als soziale Klasse. Durch die Reduktion der Einkommen, die nicht steigerbar und auf ein Minimum reduziert sind. Das Einkommen wird unabhängig vom Erwerb und ist nicht mehr über Leistung kontrollierbar.
Die Minimalisierung des Einkommens führt gleichzeitig zu einem weitgehenden Ausschluss vom bürgerlichen Leben. Einerseits ist kaum Geld für kulturelle Aktivitäten vorhanden, weil es in den Bezügen nicht eingeplant wird und andererseits sind die anderen Zugangsvoraussetzungen für die Teilhabe an öffentlicher Repräsentation und damit bürgerlicher Öffentlichkeit nicht erfüllbar. Dazu gehören etwa entsprechende Kleidung oder die Möglichkeit Einladungen auszurichten. Man wird aus dem ökonomischen System zwar nicht ausgeschlossen, aber doch so wenig beteiligt, dass Teilhabe in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen darunter leidet. Eine Reduktion ökonomischen Kapitals hat also direkte Folgen auf die Möglichkeiten symbolisches Kapital akquirieren zu können. Wer sich symbolisch allerdings nicht gemäß bestimmten sozialen Standards entsprechend artikulieren kann wird per symbolischer Gewalt exkludiert (Bourdieu 1983; Bourdieu 1987). Bei Bourdieu spielt hier auch der verinnerlichte Geschmack mit hinein, der einen dazu bringt etwa eher Kacheln für die Küche als eine Karte für die Oper zu erwerben. Siebel hat die symbolische Exklusion am Beispiel von innerstädtischen Shopping Malls aufgezeigt (Siebel 2007). Man wird also aus öffentlichen und quasi-öffentlichen Räumen verdrängt, der Zugang zu kostenpflichtigen Angeboten auf der anderen Seite ist auch versperrt. Es bleiben Szenen, die mit ähnlichem Geschmack ausgestattet sind, den man zunehmend aufgrund des ökonomisch aufgezwungenen Konsumstils sozialisiert. Wer Sport macht kommt nicht ins Fitness-Studio, sondern in die Muckibude. Direkte soziale Interaktion wird auf kleine Kreise gleicher Milieu- und Schichtspezifik beschränkt. Letztendlich ist es dann die Szene am Kiosk oder am Imbissstand. Die Beschränkung der Interaktion führt zu Umgangsformen, die immer weiter von bürgerlicher Öffentlichkeit ausschließen, welche Standards der Sprache, der Selbstpflege usw. voraussetzen und Beteiligung in der überwiegenden Anzahl der Fälle davon abhängig machen, dass man die entsprechenden Codes beherrscht (vgl. Negt & Kluge 2002, S.286). Massenmedien wirken hier als Gatekeeper. Die Mechanismen für Zeitung und Fernsehen sind untersucht (Hall u. a. 2000). Für die entsprechenden Sozialtechnologien des Web 2.0 sind solche Effekte noch weitgehend unbetrachtet, was sie in ihrem medialen Demokratisierungsversprechen unangetastet lässt. Trotzdem kann mit einem Blog oder einem Twitteraccount nur derjenige Medienaufmerksamkeit erzielen, der über entsprechende Voraussetzungen für Aufmerksamkeit in Form von der Beherrschung technologischer und sprachlicher Codes aufweisen kann und dies mit Sozialkapital verbindet, dass eine Leserschaft, ein Publikum zustande bringt. Bits und Bites mögen im Internet neutral sein, Suchmaschinen, Links und Nutzer sind es nicht.
Räumlich wird demnach ein Ausschlussmechanismus etabliert, der episodenhafte Alltagskommunikation in Encounters, also etwa das Gespräch an der Bushaltestellte, weitgehend reduziert. Massenmedial greifen andere Mechanismen, die hier aber genauso zu einem Ausschluss führen und deshalb dazu verbannen ein passives Publikum zu werden, dessen Emanzipation allerhöchstens noch in der Fernbedienung liegt, also in der Wahl aus der immergleichen Kulturindustrie, welche ohnehin so produziert ist, dass von vornherein offensichtlich ist, welche Programme dem Geschmacksmuster der Publikumsausschnitte als Zielgruppen entsprechen (Horkheimer & Adorno 2003). Die Produktionsbedingungen der Medien haben die „Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit“, wie man im Anschluss an Ernst Bloch formuliert (Bloch 1985), längst in einen Antrieb für die eigene Differenzierung der Produktion umgewandelt. Vielmehr als nur eine soziale milieuspezifische und auf Konsumstile aufbauende Ausdifferenzierung (so etwa Ullrich 2006) lässt sich das Schlagwort von Bloch als marxistische Sozialkritik in Anschlag bringen. Dann fallen symbolische Ordnungen und Produktionsbedingungen – hier staatliche Zuweisungen – auseinander. Dies kann einerseits innerhalb einer sozialen Gruppe geschehen, aber andererseits auch zwischen sozialen Gruppen.
Der Effekt der Exklusionsmechanismen ist, dass ähnlich wie bei den Parzellenbauern, auch die Empfänger von Hartz IV/ALG II – oder wie auch immer die derzeitig korrekte bürokratische Bezeichnung sein mag – auf sich selbst als Gruppe zurück geworfen wird. Dabei ist die Gruppe lediglich durch äußere Beziehungen staatlicher Zuweisungen vereinheitlicht, nicht durch die Ausprägung eigener Diskurse, weil ihr dazu sowohl persönliche als auch massenmedial vermittelte Möglichkeiten fehlen. Es findet demnach keine integrierende Kommunikation statt, in dem Sinne, dass Kommunikation eine Gleichzeitigkeit schafft, auf die im Anschluss ebenfalls wieder reagiert werden kann.
Wie Marx richtig formuliert werden damit auch Arbeitsteilung, und das heißt potentiell zukünftige Einbeziehung in das kapitalistische Arbeitssystem, Wissenschaft, keine Entwicklung von persönlichen Talenten zugelassen. Stattdessen wird eine soziale Starre an die stelle moderner Sozialdynamik gesetzt, die das Individuum als solches auf sich selbst zurück wirft und von anderen und einer Kommunikation mit diesen weitestgehend fern hält.
Über die Zuweisung von einer lebenserhaltenden Geldmenge genügt diese Gruppe sich selbst oder wie Marx es ausdrückt, sie setzt sich eher mit der Natur in Form von Nahrungsmitteln auseinander, als dass sie sich gesellschaftlich, d.h. kommunikativ beteiligen würde. In der Tat geht ihr Problem auch von ihrem auseinander-gmesetzt-Sein aus, also ihrer räumlichen Desintegration aufgrund von und trotz räumlicher Konzentration auf Plattenbausiedlungen und soziale Brennpunkte. Diese räumliche Nähe, die nicht zu gemeinschaftlicher oder gesellschaftlicher Verbundenheit führt hat Marx bei den Bauern 1852 so beschrieben:
“Die Parzelle, der Bauer und die Familie; daneben eine andre Parzelle, ein andrer Bauer und eine andre Familie. Ein Schock davon macht ein Dorf, und ein Schock Dörfer macht ein Departement.” (Marx 1983, S.407)
Bei Plattenbauten verhält es sich ähnlich. Eine baugleiche Wohnung neben der nächsten. Die Wohnung, die Arbeitslosen und die Familie, daneben eine andere Wohnung mit weiteren Arbeitslosen und einer anderen Familie. Ein Haus davon erreicht wohl die Größe eines Dorfes, aus den Häusern setzen sich dann Stadtteile zusammen. So wird die zunehmende untere Schicht gebildet durch „durch einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet.“ (Marx 1983, S.407)
Selbst als Publikum derselben Fernsehshow bleiben sie desintegriert, bleiben sie ein disperses Publikum, dessen Medium einen einseitigen Kanal hat, maximal mit der Rückmeldung zu Homeshopping oder einem Gewinnspiel, bei welchem sich der Moderator über fehlende bürgerliche Sprachkompetenzen belustigt. Ein solcher Medienkonsum integriert auch in Anschlussgesprächen nicht. Er wird extern repräsentiert, extern produziert und stellt damit eine externe Vertretung dar. Interessen werden nicht selbst artikuliert, sondern von anderen strategisch als Ware formuliert. Über den fehlenden Aufbau individueller Zugänge und demgemäß Chancen und mittelständlerisch aufsteigende Lebensentwürfe über persönliche Verbesserung bei Bedürfnisaufschub (so Bourdieus Analyse) kann sich keine eigene literarische Vertretung etablieren, keine eigene Äußerungsform „hoher“ Kultur, keine Presse. Man wird vertreten aus hegemoniellen Reihen, etwa von der Springerpresse. Eine solche externe anstelle einer selbst durchgeführten Vertretung verhindert entsprechend der von Marx angebrachten Argumentation die Herausbildung eines eigenen Klassenbewusstseins und damit die Klassenwerdung. Die Selbstvertretung über Montagsdemos ist gescheitert. Wir haben es mit einer unorganisierten sozialen Masse zu tun, die nicht an die Produktion angebunden ist, die aufgrund ihrer fehlenden internen wie externen Kommunikation keine Intellektuellen (Gramsci 1986) hervorbringt. Ohne solche Repräsentanten (wie gut sie nun diese Funktion nun immer auch erfüllen mögen) kann aber keine Wahrnehmung in einer bürgerlichen Gesellschaft und deren öffentlichen Meinung entstehen, die unorganisierte Masse versinkt in der Schweigespirale der eigenen Wahrnehmung ihrer empfundenen Nichtwahrnehmung (Noelle-Neumann 2004).
Mit der gängigen Entwicklungshypothese der gleich bleibenden Faktoren liesse sich im Endeffekt folgern, dass strukturell bedingt keine Anreize für eine Organisation als soziale Gruppierung besteht und damit auch keine Interessensvertretung und keine Anregungen für Externe Veränderungen vorzunehmen. Strukturell gesehen bleibt der gegenwärtige Zustand erhalten.
Bloch, E., 1985. Erbschaft dieser Zeit (1935) erweiterte Ausg., Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bourdieu, P., 1987. Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bourdieu, P., 1983. Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital. In M. Steinrücke, hrsg. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik und Kultur. Hamburg: VSA Verlag, S. 49-80.
Gramsci, A., 1986. Zu Politik, Geschichte und Kultur: Ausgewählte Schriften 2. Aufl. G. Zamis, hrsg., Frankfurt am Main: Röderberg.
Hall, S. u. a., 2000. The Social Production of News. In P. Morris & S. Thornton, hrsg. Media Studies: A Reader. New York, NY: New York University Press, S. 645-652.
Horkheimer, M. & Adorno, T.W., 2003. Kulturindustrie: Aufklärung als Massenbetrug. In Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente. Gesammelte Schriften. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 141-191.
Marx, K., 1983. Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte [1852]. In Band zwei. Karl Marx Friedrich Engels: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Berlin: Dietz, S. 308-417.
Negt, O. & Kluge, A., 2002. Entfremdete Öffentlichkeit. In G. Helmes & W. Köster, hrsg. Texte zur Medientheorie. Stuttgart: Reclam, S. 285-288.
Noelle-Neumann, E., 2004. Öffentliche Meinung. In E. Noelle-Neumann, W. Schulz, & J. Wilke, hrsg. Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. Frankfurt am Main: Fischer, S. 392-406.
Siebel, W., 2007. Vom Wandel des öffentlichen Raums. In J. Wehrheim, hrsg. Shopping Malls: Interdisziplinäre Betrachtungen eines neuen Raumtyps. Wiesbaden: VS Verlag, S. 77-94.
Ullrich, W., 2006. Habenwollen: Wie funktioniert die Konsumkultur?, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
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